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Die "Kinderkolonie am Adelsberg" und der Königsbesuch in Oberhermersdorf ab 1912

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Kinderkolonie am Adelsberg

Die folgenden Bilder und Texte wurden, soweit nicht anders angegeben, von Herrn Gottfried Lehmann und seiner Cousine Frau Christine Lehmann zur Verfügung gestellt. Die Dokumente wurden bei der Altziegelbergung aus den Trümmern des Gebäudes von Adelsberger Bürgern gefunden und den erwachsenen Kindern des Hausvaters Ernst Clemens Wagner (3 Mädchen, die alle in der Kolonie tätig waren)übergeben.
Folgendes Schriftstück wurde bei der Grundsteinlegung des Knabenhauses mit in das Fundament gegeben.

Aus einem Schriftstück des Hausvaters Ernst Clemens Wagner vom 3. Juli 1913:

"Die Kinderkolonie am Adelsberg wurde am 6. Oktober 1912 eröffnet. (...) Das Gut war ungefähr 30 Jahre in Besitz der Familie Arnold und dieser vom Sächsischen Heilstättenverein zu obigen Zweck angekauft. Das Unternehmen ist wohl das erste derartige in Deutschland und ist besonders auf Betreiben des Herrn Hofrat Wolff in Reiboldsgrün und des Herrn Amtshauptmann Michel in Chemnitz zu Stande gekommen. Beim Einzug des Unterzeichneten (Ernst Clemens Wagner) war leider die Erneuerung des Hauses ganz unvollendet. Es war kein einziger bewohnbarer Raum vorhanden. Eine Kammer wurde schnell notdürftig hergerichtet, der Maurerschutt ausgeschaufelt und die Betten hineingestellt. Darin mußte die Familie des Schreibers ungefähr 8 Tage bei sehr rauher regnerischer Witterung wohnen. Am 6. Oktober kamen die ersten 8 Kinder. Da die Wohnräume noch unvollendet waren, wurde in der Küche gewohnt und gegessen.Am 7. Oktober kam der Hofrat Wolff und Sanitätsrat Geber aus Carolagrün um die Kinder zu untersuchen. Am 17. Oktober 1912 fand im Beisein Sr. Majestät des Königs Friedrich August d. III von Sachsen die Einweihung der Anstalt statt.

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König Friedrich August d. III von Sachsen besucht Oberhermersdorf zur Einweihung der Kinderkolonie
am Nachmittag des 17. Oktober 1912

Der König wurde durch Kinder und Oberhermersdorfer von Vereinen lebhaft begrüßt. Am Thore der Kinderkolonie stand ein Triumpfbogen und der Hof und die Gebäude waren ringsum mit Flaggenmasten und Girlanden geschmückt. Vor der Scheune, die an Stelle dieses Hauses stand, war ein Baldachin aufgestellt, unter dem der König, nachdem er von dem Gemeindevorstand Wilkens und einem Mädchen der Kolonie begrüßt worden war, Platz nahm.

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Der König tritt aus dem Mädchenhaus der Kinderkolonie.

Die Festrede hielt Herr Hofrat Wolff. Herr Pfarrer Vogel sprach ein Gebet. Von der Galerie des Wirtschaftsgebäudes blies der Posaunenchor des (...) Jünglingsvereins. Dann wurde durch den Hausvater eine Linde gepflanzt, zu der der König den ersten Spatenstich tat. (...) Weiter oben im Felde lagen 2 Salutschüsse die beim Weggang des Königs angezündet wurden. Dann wurde das Haus besichtigt und der König nahm den Kaffee ein und verweilte bei guter Laune über 1 Stunde im Hause. Der Andrang des Publikums war so stark, daß die Polizei nur schubweise Zutritt gewähren konnte. Nach der Einweihungsfeier war Festessen in Stadt Gotha in Chemnitz. (..) So befehle ich dieses Haus, den gesamten Vorstand desselben und alle die daran und darin arbeiten und aus und eingehen werden in Gottes gnädigen Schutz. Möge er allezeit seine schirmenden Hände darüber halten."

Oberhermersdorf
d. 3. Juli 1913
Ernst Clemens Wagner
Hausvater

Weitere Bilder und Impressionen der Kinderkolonie und aus dem Heimalltag:

Zum Vergrößern anklicken.

Blick vom Osten auf die Kinderkolonie Blick von Westen auf die Kinderkolonie Blick vom Osten auf die Kolonie Die vier Gebäude der Kolonie: Mädchenhaus, Knabenhaus, Ökonomiegebäude und Wirtschaftsgebäude
Heimleiter und Kinder der Kolonie vor dem Mädchenhaus Spiel und Sport auf dem Hof der Kinderkolonie Mädchen und Knaben samt Personal Gruppenbild vor dem Mädchenhaus
Für jeden Jungen ein Instrument, für jedes Mädchen eine Puppe... Fröhliches Gruppenbild vor dem Mädchenhaus Lustige Polonaise. Man beachte das Mädchen ganz vorn links und dahinter. Idylle auf dem Hof der Kinderkolonie. Im Hintergrund das Wirtschaftsgebäude mit Galerie.

Auszug des Berichts vom ärztlichen Leiter des Heims, Dr. med. Feucht

"Während die übrigen Anstalten des Heilstättevereins zur Heilung Lungenkranker bestimmt sind, will die Kinderkolonie Adelsberg vorbeugend wirken. Sie ist bestimmt zur Aufnahme von Kindern, die noch nicht krank, aber wegen schon erfolgter tuberkulöser Ansteckung oder wegen tuberkulöser Umgebung von künftiger Erkrankung bedroht sind. Außerdem werden Kinder, die körperlich schwach sind infolge überstandener Krankheiten und eine geeignete Nachkur brauchen, aufgenommen. Die Kinder sollen solange in der Kolonie verbleiben, bis sie widerstandsfähig geworden sind oder bis die heimischen Verhältnisse ihnen eine Rückkehr ohne Gefahr gestatten. Aufgenommen werden Kinder in die Kolonie vom 5. Lebensjahre an.(...) Die Kinder sollen frühzeitig lernen, in angemessener Beschäftigung für die in der Koloniegärtnerei und -landwirtschaft beste Gelegenheit gegeben ist, und Erholung ihre Gesundheit zu fördern und zu erhalten. Sie lernen dabei eine einfache Hygiene kennen, wie sie diese als Erwachsene später bei einigem guten Willen jederzeit durchführen können.

Oberhermersdorf liegt an den Ausläufern des Erzgebirges, 6 Kilometer südlich von Chemnitz in 450 Meter Höhe über dem Meere. Die Lage in einem Dorfe ohne Industrie, abseits vom Verkehr, am Fuße des Adelsberges gibt der Kolonie eine rauch- und staubfreie Lage. Die mittlere Höhenlage eignet sich durch anregende Wirkung ganz besonders zur Durchführung der Kur. Die Gebäude liegen in einer Mulde, die weitgehendsten Schutz bietet.

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Kinderkolonie, Hof

Die nächste Umgebung bilden eigene Obstgärten, Wiesen und Felder, die von den Gebäuden als tiefsten Punkt des Terrains, allmählich bis zu 500 Meter ansteigen und am höchsten Punkt des Besitzes von Wald abgeschlossen werden. Der Wald (Mischwaldbestand) ist für Spiel, Sport und für die dort befindliche Waldschule der Kolonie ganz besonders geeignet. Quellen und Bäche auf eigenem Gebiete sorgen für gutes Trinkwasser.

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Kinderkolonie, Kinder in der Heuernte

Die Kolonie ist 1912 in dem damaligen Lehngut, das der Heilstätteverein zu dem Zwecke kaufte, errichtet worden. Durch Umbau des alten Hauptgebäudes wurde Platz für 35 Kinder geschaffen. Schon im Jahre 1913 reichte der Platz nicht mehr aus und es wurde an Stelle einer alten Scheune ein zweistöckiges Haus (Knabenhaus) gebaut, welches die Belegung von zusammen 100 Kindern ermöglicht. 1918 wurde der bis dahin in den Gebäuden mit untergebrachte landwirtschaftliche Betrieb in das dazu erworbene nebenliegende Gut verlegt.

Im Hauptgebäude finden wir beim Eintritt einen anheimelnden Raum, eine Art Diele, in echt erzgebirgischem Stil. Ein großer grüner Kachelofen, sowie ein alter Bauerntisch mit Bänken rundum laden zum Sitzen ein. Im Hintergrund führt eine Treppe zum oberen Stockwerk. Rechts vom Vorraum liegen Küche, Speisekammer und Aufwaschraum. Links liegen die Mädchenspielzimmer und das Sprechzimmer des Arztes. Im oberen Stockwerk befinden sich die Schlafzimmer der Mädchen, sowie die Wohnung des Heimleiterehepaares. Licht und freundlich sind die Schlafzimer mit je 4 bis 8 Betten. Am Ende des Korridors führt eine Türe unmittelbar ins Freie auf den Spielplatz. Dort sehen wir Turngeräte, Barren, Reck, Rundlauf, Schweberinge, Kletterstangen und Wippen, an denen sich die Kinder tummeln können.

Im Knabenhaus liegt zu ebener Erde der Speisesaal. Hier werden die Mahlzeiten gemeinsam von allen Pfleglingen eingenommen. Außer dem Speisesaal liegen im Erdgeschoß noch ein Empfangs- und Aufnahmezimmer, sowie das Bad, Ankleide- und Schuhputzraum. Das Haus bietet in zwei übereinanderliegenden Schlafsälen mit je 24 Betten und einigen kleinen Zimmern, Raum für 65 Kinder. Die Krankenzimmer sind gleichfalls in diesem Hause untergebracht.

Die Kinderkolonie besitzt eine eigene Schule und eigenen Lehrer. Dadurch ist auch bei längerer Kurdauer, die ja entgegen der von den Entsendestellen nach dem Kriege meist begehrten 6 Wochen-Kurdauer, immer mehr wieder in Aufnahme kommt, für geeigneten Unterricht gesorgt.(...) (Anmerkung des Webmasters: Im Koloniewald waren Bänke aufgestellt und im "Kleinen Berg" sogar eine Waldschule eingerichtet. In den ersten Jahren war die Kolonieschule in dem heutigen Grundstück Breitenlehn 12 - auch "Kamerun" genannt - untergebracht. Später wurde sie in die Anstalt selbst verlegt. Jahrelang nahmen auch die Kinder des 1. und 2. Schuljahres am Unterricht der Oberhermersdorfer Schule teil.)

In einem festgelegten Tagesplan ist ausgiebig für den Aufenthalt im Freien, sowie für Turnen, Spielen, Atemübungen in frischer Luft, im Sommer Luft- und Sonnenbäder, Winter Rodel- und Schneeschuhfahrgelegenheit gesorgt. Der Unterricht wird, soweit dies die Witterung erlaubt, im Freien abgehalten. Nach dem Mittagessen ist für alle Kinder Liegekur in der dazu geschaffenen Liegehalle angesetzt.(...) Die Ernährung ist gut und kräftig, wie sie den Lebensgewohnheiten der Kinder entspricht. Allerdings muß hervorgehoben werden, daß ein Dauererfolg der Kur nur möglich ist, wie von fachlicher Seite betont wird, wenn die Kurdauer sich mindestens auf ½ bis 1 Jahr erstreckt. Das Leben in der Kolonie ist als Familienleben gestaltet, es herrscht eine heitere Lebensauffassung und Sinn für alles Schöne. Kleine Feste, Pflege von Musik und Gesang, Liebe zur Natur und zur deutschen Heimat bilden die Grundlage dazu. Die Kurergebnisse sind durchschnittlich: 75% sehr gut, 20% gut, 5% gebessert."


Quelle: Der Sächsische Heilstättenverein für Lungenkranke und seine Anstalten, Verlag f. Architektur-, Ind.-, Stadt- und Staatswerke,
Dresden, 1929

Möchten Sie näheres zu den Aufnahmebedingungen (Hausordnung), Untersuchungen der Kinderkolonie Oberhermersdorf erfahren, lesen Sie hier in einem Originaldokument (2,39 MB)

(Quelle: Gottfried Lehmann)

Anmerkung:
Die Kinderkolonie, südlich der Kirche gelegen, bestand ungefähr bis 1930. Danach wurde sie als Wohnraum für Familien genutzt. Die Gebäude wurden am 14. Febrauar 1945 durch Bombardements zerstört. Dabei verloren die in der ehemaligen Kinderkolonie wohnenden Familien ihr Obdach.

Nachfolgend einige Bilder des Standortes der Kinderkolonie aus heutiger Sicht.

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Reste von Grundmauern der Kinderkolonie.

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Reste von Grundmauern der Kinderkolonie.

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Reste von Grundmauern der Kinderkolonie.

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Hinter dieser Tür verbarg sich
der Rübenkeller der Kinderkolonie.

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Wäldchen "Eichbusch".

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Blick aus dem Wäldchen ins Tal zur Grundschule.

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Im Wäldchen "Eichbusch".

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Der ehemalige Brunnen der Kinderkolonie.